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KOMPETENZNACHWEIS KULTUR

Ein Bildungspass für Jugendliche




WIE HANNOVER ZUR „KNK-HAUPTSTADT“ WURDE >>
Ulrike Knoch-Ehlers im Interview

Ulrike Knoch-Ehlers bei der KNK-Verleihung am 24.03.2014 im Rathaus der Stadt Hannover. Foto: Walter WilkeNirgends werden so viele KNKs verliehen wie in Hannover. Ulrike Knoch-Ehlers, Leiterin des Projekts Lesementoring der Landeshauptstadt Hannover, erklärt im Interview, wie es dazu kam und was andere Kommunen daraus lernen könnten.

Wie oft und in welchem Kontext wurde der Kompetenznachweis Kultur (KNK) in der Stadt Hannover bisher vergeben?

Seit 2004 haben wir über 1.000 KNKs vergeben – die meisten im Projekt Lesementoring, das von der Stadt initiiert wurde, einige aber auch in Theater-,Musik-, Film-, Kunst-, Tanzprojekten und in einem Kunst- und Philosophie-Projekt.

Wie kam es dazu, dass der KNK in der Stadt Hannover ein wichtiges Instrument wurde?

Ich habe den KNK bereits 2004 als festen Bestandteil in das Projektkonzept Lesementoring integriert. Der KNK ist der sichtbare Beweis und der Garant dafür, dass es in dem Projekt nicht nur darum geht, dass die Grundschulkinder von den Jugendlichen spielerisch in ihrer Lesemotivation und ihren Lesefähigkeiten gefördert werden, sondern dass die Jugendlichen in diesem Projekt viele Kompetenzen dazugewinnen und sich ihrer Stärken bewusst werden. Das ist das zweite, gleichrangige Ziel in diesem Projekt. Ein Team von städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Bibliotheks- und Kulturarbeit unterstützt die Jugendlichen in diesem Projekt und stellt am Projektende die KNKs aus.

Wie ist es gelungen, den KNK-Prozess in die Arbeit von städtischen Kulturmitarbeitern zu integrieren?

Da ich selbst als Projektleiterin auch KNK-Fortbildungsbeauftragte bin, haben die Projektkolleginnen und -kollegen bei mir die KNK-Qualifizierung mitgemacht. Damit war schon mal die erste Hürde überwunden. Dann war es wichtig, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auch die Bedeutung des KNK verstehen und akzeptieren, dass dieser Prozess so wichtig ist, dass er im Rahmen der Arbeitszeit gestaltet werden bzw. qualifizierten freiberuflichen Kolleginnen und Kollegen dafür entsprechend Honorar gezahlt werden muss. Dafür war viel interne und externe Öffentlichkeitsarbeit nötig. Die Bedeutung des KNK als Dokumentation der Wirkungen Kultureller Bildung und sein Wert für die Persönlichkeitsentwicklung und Berufsorientierung von Jugendlichen wurde auch von den Fachbereichsleitungen der Verwaltung erkannt.

Liegt es auch am Konzept des Lesementoring-Projekts, dass der KNK in der Stadt Hannover so fest etabliert ist?

Ja, ganz sicher. Die Jugendlichen haben beim Lesementoring den Spielraum, sich kreativ zu betätigen und ihre Selbstwirksamkeit zu erproben. Sie übernehmen freiwillig und ehrenamtlich wichtige Bildungsaufgaben über einen langen Zeitraum und das in ihrer Freizeit. Man versteht sofort, dass es dafür zwar keine „Gegenleistung“ geben kann, aber sicherlich eine angemessene Wertschätzung geben muss. Ich denke der KNK wird auch als eine solche Wertschätzung angesehen. Für uns und vor allem für die Jugendlichen ist er sogar viel mehr: Der KNK-Prozess ist Teil des Projektes und ein Wert an sich; der KNK ist ja nicht nur eine hübsche Urkunde, sondern eine individuelle Dokumentation von Kompetenzen, die nicht über dem Kopf des Teilnehmers verfasst wird, sondern auf der Grundlage einer Reflexion mit dem Jugendlichen. Die Jugendlichen erleben in den Dialogen mit den Projektmitarbeitern Resonanz und Feedback zu ihren Stärken – etwas, das es in der Schule und in der Familie viel zu wenig gibt.

Ist das Lesementoring dauerhaft in der städtischen Kultur- und Bildungsarbeit – also auch im städtischen Haushalt – verankert?

Ja. Das Projekt wird seit mehreren Jahren vom städtischen Etat finanziert. Nach einer Pilotphase 2003/2004 wurde es seit 2005 sukzessive in mehreren Stadtteilen aufgebaut läuft seitdem kontinuierlich und nachhaltig weiter. Da wo es etabliert wird, wird ein Projektteam aus außerschulischen Projektmitarbeitern und Kontaktlehrkräften gebildet, die das Lesementoring alle halbe Jahre neu auflegen. Die Nachhaltigkeit zeigt sich am schönsten darin, dass mittlerweile viele der Mentoren früher selbst Mentees waren und nun mit Freude selbst eine Lesementoring-Kindergruppe leiten. Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sehen, dass dieses Projekt keine Eintagsfliege ist, sondern dass sich die Investition „lohnt“. Durch den Erfolg des Lesementoring wurde auch der KNK in den Kultureinrichtungen, Bibliotheken und Schulen – und auch in der Stadtverwaltung und der Ratspolitik bekannt.

KNK-Verleihung an die Die Lesementoring-Gruppe Hannover-List (Ricarda-Huch-Schule, Comenius-Schule) am 24.03.2014. Foto: Walter WilkeWir veranstalten jedes Halbjahr eine schöne KNK-Feier für die Jugendlichen im Rathaus der Stadt. Die Jugendlichen berichten aus ihrer Projektarbeit, der Bürgermeister – neuerdings der Oberbürgermeister – überreicht den KNK an jeden Jugendlichen persönlich. Das ist für alle Beteiligten im Projekt ein Highlight, nicht nur für die Jugendlichen, auch für die Projektmitarbeiter und die Kontaktlehrkräfte. Auch wenn die Medien nicht über jede Veranstaltung berichten, so ist doch eine gewisse öffentliche Wahrnehmung da und wir können damit deutlich machen, dass Kulturelle Bildung Ergebnisse hervorbringt und nicht nur ein „Sahnehäubchen“ ist.

Ist Ihr Modell auf andere Kommunen übertragbar?

Ja, das Projekt zieht Kreise. Es gab Anfragen aus anderen Kommunen, das Projektkonzept übernehmen zu wollen. Daraufhin habe ich eine Fortbildungsreihe entwickelt, die in Kooperation mit der Agentur für Erwachsenenbildung und mit der LKJ Niedersachsen angeboten wird. Die Qualifizierung zum KNK-Berater ist fester Bestandteil dieser Fortbildungsreihe, die insgesamt aus sieben Tagen besteht. Mittlerweile läuft die dritte Seminarreihe. Über diesen Transfer hat sich das Projekt – und damit auch der KNK – bisher in weiteren sieben Kommunen etabliert. Schön ist auch, dass ein Netzwerk entstanden ist, das sich mindestens einmal jährlich trifft, Erfahrungen austauscht und sich fachlich-inhaltlich weiterentwickelt.   Ist der KNK in den anderen Orten auch so gut in der Kommunalstruktur verankert? Soweit ich weiß: leider nein. Den Anfang machen meistens engagierte Einzelpersonen, die in kommunalen Einrichtungen wie einer Volkshochschule oder in Vereinen tätig sind. Es braucht Zeit und viel Öffentlichkeitsarbeit, so ein Projekt bekannt zu machen und fest zu etablieren. Zwar ist an allen Standorten der KNK durch das Lesementoring-Projekt ein Begriff und wird auch überall im feierlichen Rahmen ein- oder zweimal im Jahr an die Jugendlichen verliehen, aber eine feste finanzielle Förderung, wie in Hannover durch den Rat der Stadt, ist leider bisher noch die Ausnahme.

Haben Sie Tipps für Kolleg*innen, die den KNK in ihren Kommunen etablieren möchten?

Aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Es könnte gelingen, wenn engagierte Kollegen – am besten solche, die im kulturellen Bereich einer Kommune arbeiten – kulturelle Jugendprojekte entwickeln, die langfristig umsetzbar sind, oder kontinuierlich immer wieder aufgelegt werden – und in diesen Zusammenhängen der KNK vergeben wird. Damit steigen die Chancen, dass der KNK bekannt wird und Kommunalpolitik und Verantwortliche in der Verwaltung seinen Wert erkennen und ihn fördern.

Gibt es noch andere kommunale Bereiche, in denen der KNK verliehen wird?

Nachdem der KNK im Lesementoring so erfolgreich war, wurden Schritte unternommen, den KNK auch als festen Bestandteil in die VHS-Kurse zum nachträglichen Erwerb von Schulabschlüssen zu intergieren. Das ist besonders deshalb interessant, weil hier das Interesse am Instrument KNK dazu führt, dass das Angebot an Kulturprojekten für die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen ausgeweitet werden soll. Denn man sieht in den Kulturprojekten mit dem KNK eben nicht nur die kulturell bildende Seite sondern auch den Wert für die Kursteilnehmer, ihren Lebensweg besser zu reflektieren und ihre Chancen für den weiteren Ausbildungs- oder Arbeitsweg zu verbessern. Die Integration des KNK in dieses Kursformat steht noch am Anfang, auch hier gibt es noch ungelöste Finanzierungsfragen. Wenn uns eine Lösung gelingen, könnten jedes Jahr viele weitere junge Menschen in Hannover sowohl in den Genuss eines Kulturprojektes als auch des KNK kommen.

Sie sagten eingangs, dass der KNK in Hannover auch im Theater-, Musik-, Film- oder Tanzbereich verliehen wird. Wie klappt es dort?

Für einige meiner Kollegen, die in der Kulturellen Bildung mit Jugendlichen arbeiten, habe ich eine eigene KNK-Qualifizierung durchgeführt und sie binden gelegentlich den KNK in ihre Projekte ein. Allerdings sind die meisten Projekte nicht umfangreich genug für den KNK. Aus kleineren kulturellen Initiativen oder Vereinen, die Kulturarbeit mit Jugendlichen durchführen, höre ich oft Stimmen, die in die Richtung gehen: Der KNK ist ja eine super Sache, aber wer bezahlt den Aufwand? Und bei den großen Kulturinstitutionen wie dem Schauspielhaus, die viele umfangreiche Theaterprojekte mit Jugendlichen durchführen, liegt es eher an der mangelnden Zeit und am knappen Personal. Selbst wenn es einen oder zwei Theaterpädagogen mit KNK-Lizenz gäbe, wäre das Problem nicht gelöst, denn in der Projektarbeit sind oft FSJ-ler und Praktikanten oder freiberuflich tätige Fachkräfte beteiligt, die den größten Teil der theaterpädagogischen Arbeit mit den Jugendlichen machen. Insofern wären auch nur sie in der Lage, Beobachtungen über die Kompetenzen der einzelnen Jugendlichen zu machen. Es ist ein bisschen vertrackt.

Würden Veränderungen der Berater-Ausbildung oder des Vergabeprozesses helfen, den KNK mehr „in die Fläche“ zu bringen?

Die meisten Akteure in der Praxis akzeptieren den hohen Anspruch, den der KNK stellt und sehen ein, dass es bei diesem Verfahren bleiben muss, wenn man die besondere Qualität des KNK als individuelle Dokumentation von Stärken erhalten möchte. Aber unter den vorhandenen Rahmenbedingungen passt es eben oft nicht – auch wenn die Kulturelle Bildung in den letzten Jahren als solches schon sehr an Ansehen und Akzeptanz gewonnen hat.

Eine Veränderung, die ich mir wünschen würde und die meines Erachtens keinen Qualitätsverlust bedeuten würde, wäre z. B. engagierte FSJ-Kultur-Freiwillige für den KNK zu qualifizieren oder zumindest eine Assistenten-Qualifizierung anzubieten, die es denjenigen, die nur kurze Zeit in einer Einrichtung verbringen, aber intensiv an Kulturprojekten mitwirken, erlaubt, Teile des KNK-Prozesses mitzugestalten und damit für die KNK-Berater eine Entlastung zu bewirken.

Was könnte man sonst noch für die Verbreitung des KNK tun?

Wenn sich die in den Kommunen für Kulturelle Bildung zuständigen Fachleute und Politiker dafür einsetzen würden, dass Mitarbeiter in der kulturellen Jugendbildung generell die KNK-Qualifizierung machen können, wäre schon vieles gewonnen. Wenn dann auch noch der KNK-Prozess als sinnvoller und notwendiger Bestandteil kultureller Jugendprojekte akzeptiert und finanziert werden würde, dann wäre – zumindest in kommunalen Strukturen – alles gut. Aber das ist vermutlich noch ein langer Weg. Bis dahin wird es gut sein, sich um Übergangslösungen zu bemühen, wenn man möchte, dass das der KNK weiter Verbreitung findet.

Bekommen Sie Rückmeldung, welche Rolle der KNK in der Berufsorientierung der Jugendlichen spielt?

Ja, wir hören öfter von Lehrkräften, die bei den Jugendlichen eine Stärkung ihrer Persönlichkeit beobachten und diese intensive Reflexion, für die im Schulalltag oft die Zeit fehlt, sehr begrüßen. Wir erfahren aber auch von Jugendlichen, denen der KNK-Prozess beim Erkennen ihrer Stärken geholfen hat und auch, dass der KNK bei Bewerbungen eingebracht wird. Einige unserer Lesementorinnen und -mentoren haben z. B. eine sozial- oder kulturpädagogische Berufslaufbahn eingeschlagen, bei ihnen waren nicht nur die Arbeit mit den Kindern eine berufsorientierende Erfahrung, sondern auch die reflektierenden Gespräche in der Gruppe und mit den KNK-Beratern. Ich kenne aber auch Beispiele, bei denen der KNK im gewerblich-technischen Bereich zu einem Ausbildungsplatz verholfen hat.

Interview: Christoph Brammertz

Weitere Informationen

Lesementoring Hannover



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