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KOMPETENZNACHWEIS KULTUR

Ein Bildungspass für Jugendliche




KNK UND SCHULE – EINE HARMONIE DES SCHRECKENS? >>
Wie zwei Königskinder sich doch noch annähern

Mirtan TeichmüllerStehen KNK und Schule für eine Harmonie des Schreckens? - fragt sich der erfahrene KNK-Berater Mirtan Teichmüller. Für manche wohl schon. Zudem ist es eine erstaunliche Kombination, die da heranwächst, findet der Fortbildungsbeauftragte für den Kompetenznachweis Kultur in seinem Kommentar.

von Mirtan Teichmüller

Es gibt Protagonisten in der kulturpädagogischen Szene, denen sich aus verschiedenen Gründen der Magen umdreht, wenn sie auf das eine oder das andere angesprochen werden. KNK und Schule haben deshalb immer wieder rhetorisch Dresche bezogen, der Bildungspass schon seit seiner Einführung vor 10 Jahren, die sakrosankte Institution schon ein bisschen länger. Und nun: „KNK in Schule“. Die beiden Prügelknaben freiheitsbeflissener Künstler vereint in einer Harmonie des Schreckens? Dabei waren sie eigentlich gar nicht füreinander bestimmt, zu weit entfernt voneinander liegen nun einmal ihre Absichten. Der KNK wurde gezielt für die außerschulische Kulturelle Bildung als qualitatives Instrument der Wirkungsforschung aus der Taufe gehoben.

Frisches Gras für die heilige deutsche Bildungskuh

Doch dann kam es anders: „Aufmüpfige“ KNK-Berater forderten von der BKJ einst in Hannover bei einem Bundestreffen lautstark, das Instrument auch für die Anwendung in Schulen zu öffnen. Schließlich arbeite und kooperiere man recht viel mit Schulen aller Art und wolle die heilige deutsche Bildungskuh nicht schlachten sondern mit frischem Gras füttern.

Vielleicht wäre der Kompetenznachweis Kultur ohne diese kleine Palastrevolte nie in der Schule angekommen, oder jedenfalls nicht so rasch. Wir KNK-Berater haben uns diese Konstellation also selber zu verdanken. Was hat sie aber nun gebracht, diese Vermischung der Systeme?

Man wird dem KNK gegenüberstehen wie man will, ein paar wohltuende Wirkungen auf die Paradigmen der Schule kann man ihm sicher zugestehen: Eine individualisierte (Selbst-)Wahrnehmungsphase, in der man untersucht, was man wie macht, klingt nicht wirklich nach Einheitsbrei. Gemeint ist eine vertiefende Rezeption seiner selbst, der Mitmenschen, deren Ideen und der umgebenden Dinge. Wertschätzende Sichtweisen auf das Handeln von Jugendlichen werden von den verantwortlichen (Kultur-)Pädagogen dabei eingeübt und stärkenorientierte Parameter in ihren Methodenkoffern etabliert.

Öffnung einer Welt der Möglichkeiten

Wenn dies dann noch nahtlos in die obligatorischen Vieraugengespräche zwischen dem begleitenden Erwachsenen und dem teilnehmenden Jugendlichen übergeht, in denen es nicht um Ergebnisanalyse geht sondern um die Kunst, im Dialog gemeinsam über sich und den gemeinsam zurückgelegten Weg zu denken – ja, es wird manchmal richtig philosophisch zwischen KNK-Beratern und Heranwachsenden  – dann erleben beide Seiten unter Umständen ihre Epiphanie. Den Jugendlichen eröffnen sich durch stärkenorientierte Dialoge mit ihnen zugewandten Erwachsenen auch im Mikrokosmos Schule oft ungeahnte Perspektiven auf sich und ihre Welt der Möglichkeiten. Sie ziehen daraus Ermutigung und Ansporn zur Teilhabe an allem, besonders an Selbstbildungsprozessen, wie ein Zitat von Lukas, 13 Jahre, andeutet: „Ich spiele Theater, weil ich hier anders sein kann als sonst und das macht mich glücklich. Ich will mehr von diesem Glück!“ Diese gemeinsam betriebene Reflexion würde langsam die Bildungsqualität der Einrichtung heben, vorausgesetzt sie wäre irgendwann fester Bestandteil der Schulkultur: Ergebnisoffenheit würde zu einer Option von Schule, die man vorher nicht mitdachte, weil man kein Wort dafür hatte.

Freiwilligkeit – Notenfreiheit – Partizipation + Schule?

Und ja: Der KNK lässt sich auch mit all seinen „Specials“ wie Freiwilligkeit, Notenfreiheit und Partizipation relativ reibungslos in den Alltag einer Regelschule implementieren, wenn man seine Schritte gut mit dem Kollegium abstimmt und ihn von schulkooperationserfahrenen Kulturpädagogen und Künstlern durchführen lässt.

Soweit diese schöne hoffnungsfrohe Seite, die aber leider nicht oft und nicht so leicht entstehen mag, zu viele Hindernisse stehen dieser Liebeshochzeit im Weg.

Lehrer sind in den Fortbildungen für den KNK oft begeistert über die damit einhergehenden Prinzipien und Haltungen. Nicht wenige geben an, so hätte man immer schon arbeiten wollen. Sie entdecken die Ungewissheit eines offenen künstlerischen Prozesses und dessen Reflektion mit den Jugendlichen als wertvolle Ressource auch für ihre eigene Entfaltung und gehen mit Elan in die erste Erprobung des Verfahrens, z. B. im Rahmen einer AG. (Dies gilt übrigens nicht nur für sie, auch viele Künstler entdecken in einer KNK-Beraterschulung überrascht unreflektierte Defizitorientierungen in ihrem eigenen Repertoire.)

Das macht Mut, aber sagen wir es mit Brecht: „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“

Der Alltag der Schulstruktur lässt es schlicht nicht zu, sich damit allzu lange zu beschäftigen oder gar einer größeren Zahl von Schülern den KNK anzubieten. Schule ist auch 13 Jahre nach PISA von ihrem Auftrag her nicht auf die individuelle Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen genordet. Sie hat eine Roadmap sowie das Erreichen von Meilensteinen zu vertreten, und kontrolliert scharf die Überquerung der Ziellinie beim biblischen Marathon um den sich alle sieben Jahre verdoppelnden Wissensberg. Eine bayerische Realschülerin der 8. Klasse hat pro Schuljahr rund 100 Leistungstests zu absolvieren. Das macht pro Woche schlappe drei Noteneinträge. Hier liegt eine so hohe Inputquote vor, dass für eine qualitative Reflexion der subjektiven Bildungsprozesse einfach kein Platz, keine Zeit und keine Muße mehr bleibt.

Daher ist dieses wunderbare, nicht komplizierte aber komplexe Tool – bestehend aus der einführenden gedanklichen Fokussierung auf Stärkenwahrnehmung, aus wertschätzender Beobachtungs- und Dialogphase mit anschließender aussagekräftiger Beschreibung im Portfolio der KNK-Mappe – für Lehrer schlichtweg arbeitstechnisch nur ganz selten machbar und seien sie noch so wertschätzend. Wenn sie es denn unternehmen, bleibt ihnen meist rasch die Puste weg.

Niederschwelliger Verwandter des KNK gesucht

Erforderlich wäre gerade für den Kontext KNK in Schule ein artverwandtes Tool; niedrigschwelliger, aber nur von ausgebildeten KNK-Beratern auszustellen, um auch dabei eine hohe fachliche Kompetenz zu sichern. Das lehnt die BKJ aber seit langem ab. Schulen und auch Ministerien würden so etwas wie einen qualifizierten Engagementnachweis meiner Erfahrung nach gerne annehmen. Der KNK darf natürlich dadurch nicht tangiert werden, er ist das beste Werkzeug der Wirkungsforschung und auch nach 10 Jahren essentiell für die nach Hurrelmann drängendste pädagogische Großbaustelle – die Bewusstseinsbildung.

Mirtan Teichmüller ist Theaterpädagoge und KNK-Berater der ersten Stunde. Er hat den KNK 43 Mal vergeben, davon 37 Mal in Schulen. Er ist Fortbildungsbeauftragter der BKJ für den Kompetenznachweis Kultur und leitete seit 2005 rund 30 Fortbildungen, auch für den verwandten Kompetenznachweis International (IJAB). Immer häufiger „verirren“ sich auch Lehrer*innen in die Schulungen, manchmal gibt es sogar reine Lehrerschulungen.



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