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Orientierungshilfe im Übergang zwischen Schule und Beruf

Erich SchrieverDurch den KNK werden sich junge Menschen ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen bewusst. Das kann gerade den Jugendlichen Orientierung geben, denen der Übergang von der Schule ins Berufsleben schwerfällt. Erich Schriever, KNK-Fortbildner der ersten Stunde, ist deshalb überzeugt, dass der KNK gerade für die Schule ein enorm wichtiges Instrument ist.

von Erich Schriever

In der aktuellen Diskussion um Bildung und Lernen zeigen sich neue Dimensionen im Verhältnis von formalem Lernen (Lernort Schule), non-formalem Lernen (außerschulische Lernorte) und informellem Lernen (z.B. Familie, Peer Groups, Freizeit u. a.):

  • Der Unterschied zwischen formalem und non-formalem Lernen liegt in dem Grad der Formalisierung der Bildungsarrangements.
  • Während formales Lernen sich an einem Lernort und informelles Lernen sich in einer Lernwelt abspielt, kann non-formales Lernen sich sowohl in einem Lernort als auch in einer Lernwelt abspielen. (Im Unterschied zu Lernorten sind Lernwelten weitaus fragiler, nicht an einen geographischen Ort gebunden. In ihnen kommen Bildungsprozesse gewissermaßen nebenher zustande.)
  • Informelles Lernen kann sowohl als Voraussetzung als auch als Fortsetzung formaler und non-formaler Lernprozesse verstanden werden. (vgl. Baumbast et. al.2014: 24)

Diese Aussagen bedeuten, dass in der Schule der Schwerpunkt auf dem formellen Lernen liegt, aber durchaus auch Elemente des non-formalen Lernens und des informellen Lernens von Bedeutung sind. Ebenso gibt es auch im außerschulischen Bildungsbereich Angebote und Inhalte, die ihrerseits formalisierten Lern- bzw. Bildungsstandards entsprechen, auch wenn sich hier der Schwerpunkt im Feld des non-formalen Arrangements befindet. Alle drei Lern- und Bildungselemente haben ihre Funktion, um Jugendliche auf die Herausforderungen aktueller und zukünftiger Arbeits- und auch Lebensanforderungen vorzubereiten.

In den 2002 vom Bundesjugendkuratorium veröffentlichten Leipziger Thesen „Bildung ist mehr als Schule“ heißt es dazu unter These 10 „Bildung erfordert neue Formen der Vernetzung“:

„Die verschiedenen Bildungsinstitutionen haben einen je eigenen Bildungsauftrag. Auf der Grundlage der Bedürfnisse und Interessen junger Menschen müssen die Bildungsaufgaben von Familie, Jugendhilfe, Schule und Berufsausbildung neu verbunden und aufeinander abgestimmt werden. Dabei sind vor dem Hintergrund heterogener und komplexer Lebenslagen die Übergänge zwischen den Bildungsorten neu zu gestalten“ (BJK 2002: 12)

Der KNK als non-formales Lehr- und Lernangebot in der Schule

Die Einbeziehung des Kompetenznachweis Kultur (KNK) in den schulischen Lehr- und Lernzirkel wird der Schule gut tun und das in einem mehrfachen Sinne:

1. Orientierung an Kompetenzen

Seit PISA hat der Kompetenzbegriff Einzug in die Lehrpläne gehalten; schulische Lehr- und Lernprozesse orientieren sich an Kompetenzen. Damit bietet sich an, den Kompetenzen der Schüler*innen erfahrungs- und prozessorientiert „auf die Spur zu kommen“, sie dabei sichtbar und benennbar zu machen – zum Beispiel  im Rahmen spezifischer Projektangebote mit kulturellen Schwerpunkten wie Literatur, Medien, Theater, Musik, Bildnerisches Gestalten, Bewegung und Tanz. Die geforderte Kompetenzorientierung kann auf diese Weise direkt und produktiv für alle Beteiligten umgesetzt werden.

Vor allem für Schulen, die daran arbeiten, sich ein kulturelles Profil zu geben, ergibt sich hier durch Einbeziehung und Anwendung des KNK-Prozesses die Möglichkeit, die Bedeutung dieser Profilorientierung mit entsprechender Wirkung nach innen und außen zu dokumentieren. Der KNK ermöglicht es den Schulen, ihren Schüler*innen ein positiv orientiertes Kompetenzprofil mit auf den Weg zum Übergang ins Berufsleben bzw. weiteren Bildungswegen zu geben. Darüber hinaus ermöglicht der KNK-Prozess, den Schüler*innen Bedeutung und Begrifflichkeit der Kompetenzen zu vermitteln und in ihr Alltagswissen zu integrieren, denn mit diesen Begrifflichkeiten werden sie lebenslang zu tun haben.

2. Keimzelle einer neuen Lernkultur

Auch für die Lehrer*innen, die im Rahmen von kulturthematisch orientierten Lehrveranstaltungen und Projekten mit dem Instrumentarium des KNK arbeiten, eröffnet sich eine neue Lern -und Erfahrungswelt. Wie zahlreiche Rückmeldungen dokumentieren, stellen sie oftmals fest, dass ihre Einschätzungen von Person und Kompetenzen der einzelnen Schüler*innen im Schulalltag eingeschränkt und ungenau waren. Sie sind überrascht, welche Veränderungen sich in einem prozessorientierten Rahmen durch konzentrierte Beobachtung sowie Selbst- und Fremdreflexion zeigen können.

Da es sich beim KNK im Kern um die Entdeckung der individuellen Stärken und um eine positive „Bestärkung“ der im Projekt bzw. der Lehrveranstaltung sichtbar werdenden Kompetenzen geht, kann sich in diesem Rahmen eine neue Lernkultur entwickeln. Diese ist geprägt durch einen dialogischen Prozess zwischen Lehrperson (hier KNK-Berater/in) und Schüler/in, bei dem es darum geht, im Einzel- oder Gruppengespräch die Ergebnisse der Selbst- und Fremdbeobachtung zu konkretisieren, die Kompetenzen des Einzelnen zu benennen und dadurch sichtbar, erkennbar und nutzbar zu machen. Alle Beteiligten lernen mit- und voneinander im Umgang mit dem Positiven, der positiven Bestärkung und überhaupt der Benennung von Stärken – in einem Umfeld, in dem üblicherweise viel über Defizite gesprochen wird, also, darüber, was jemand (noch) nicht oder unzureichend kann. Ernsthaft, themenorientiert und gruppenbezogen kann eine Atmosphäre entstehen, in der die Lehrerin/der Lehrer zur Mentorin/zum Mentor des Einzelnen bzw. der Projektgruppe oder Klasse wird.

Für diese Art, miteinander umgehen und zu lernen, bildet die Fortbildung zur KNK-Beraterin/zum KNK-Berater ein solides Fundament. Die Fortbildung gibt den Anwender*innen ein in zehnjähriger Praxis erprobtes und erfolgreiches Konzept an die Hand, das Kriterien für die Praxisanalyse in Bezug auf Kompetenzen, die Beobachtung, die Selbst- und Fremdreflexion, den dialogischen Prozess und die Erstellung des Nachweises umfasst. Sie liefert das Handwerkszeug zur praktischen Umsetzung des KNK, erhöht die pädagogische Professionalität und schafft pädagogische Qualitäten, von denen sich einige auf den „normalen Unterricht“ übertragen lassen.

3. Lernziel Selbstbewusstsein durch Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit

Der KNK kann Jugendliche in der Situation des Übergangs zu Beruf und Studium unterstützen. Die Lebensphase Jugend ist für den Einzelnen von den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnissen bestimmt, in denen er aufwächst. „Was sie [die Jugendlichen] in diesem Lebensabschnitt an Kompetenzen und Fähigkeiten erwerben, ist gewissermaßen ihre Mitgift für ihr gesamtes weiteres Leben.“ (Hurrelmann : 35). Doch wo finden Jugendliche die Orte, Räume und Gelegenheiten, in denen

  • ihre Kompetenzen entdeckt, gefördert und weiterentwickelt werden,
  • sie Selbstbewusstsein aufbauen und Selbstwirksamkeit erfahren können,
  • sie sich kritisch mit den gesellschaftlichen Zuständen auseinandersetzen können und
  • sie in die Lage versetzt werden, eigene autonome Entscheidungen zu treffen?

Wenn wir darüber hinaus an die vielen Jugendlichen denken, die sich nach dem Schulabschluss für Berufsausbildungen oder Studienfächer entscheiden, die nicht zu ihnen passen, und hohe Abbruchquoten mit all den persönlichen und wirtschaftlichen Folgeerscheinungen verursachen, wird klar, dass sich schon im Vorfeld dieser Entscheidungen durch eine gezielte Kompetenzorientierung und Kompetenzförderung herauskristallisieren sollte, mit welchem Kompetenzprofil der/die Jugendliche sich auf den Weg durch das „Ausbildungs- und Studiendickicht“ begeben kann. Die inzwischen an vielen Schulen üblichen Kompetenzfeststellungsverfahren erreichen allerdings selten das umfängliche Reflexionsniveau des KNK.

Wenn wir den KNK im Rahmen von kulturellen Bildungsprojekten oder Lehrveranstaltungen in schulischen Alltag einbeziehen, können Orte, Räume und Gelegenheiten entstehen, die Selbstbestimmungsprozesse durch handlungsorientiertes Erfahrungslernen ermöglichen. Theater-, Medien-, Literatur-, bildnerische oder medienübergreifende Projekte stellen die komplexen, subjekt-bezogenen Aufgaben, die es dazu braucht.

Kulturpädagogische Ansätze bieten in der Regel einen engen Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen, zu ihren Themen und Fähigkeiten. Sie stellen die Stärken der Jugendlichen in den Vordergrund und ermöglichen ihnen neue Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit. Auch soziale Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeit werden durch die Anforderungen der Projektrealisierung und der Arbeit in Kleingruppen unterstützt, etwa wenn ausgehandelt wird, wie Einzelergebnisse sich zu einem gemeinsam gestalteten Gesamtergebnis zusammenfügen.

Durch Selbstbeobachtung (z. B. Führen eines Projekt-Tagebuchs) und Fremdbeobachtung (durch die KNK-Berater*innen bzw. entsprechend qualifizierte Lehrer*innen) der Arbeits- und Gestaltungsprozesse kristallisieren sich im Rahmen der unterschiedlichen Anforderungen beim Einzelnen erkennbare Kompetenzen heraus. Im dialogischen Prozess werden diese Kompetenzen dann benannt und fokussiert und können auch in der Gruppe gemeinsam reflektiert werden. Sie bilden dann die Grundlage des individuellen Kompetenznachweises Kultur. Der/die Jugendliche steht im Mittelpunkt des Validierungsprozesses, d. h. er/sie darf entscheiden, wie damit umgegangen wird und wem der Nachweis zugänglich gemacht wird.

Oftmals führt die Erkenntnis und die Bestätigung der sichtbar gewordenen Kompetenzen innerhalb des Prozesses zu einer Verbesserung des Selbstwertgefühls und schafft damit auch die Voraussetzungen dafür, dass Jugendliche sich (wieder) etwas zutrauen, ihre beruflichen Pläne konkretisieren können, sich Ziele setzen und (wieder) positiv in die Zukunft schauen. Die positiven und stärkenden Erfahrungen, die Jugendliche aus den KNK-Prozessen mitnehmen können und die Bestätigung durch den Kompetenznachweis selbst steigern das Wissen und Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen und bilden damit eine gute Ausgangsbasis für die Berufs- oder Studienorientierung oder für Bewerbungs- und Berufsberatungsgespräche.

Fazit

In der zehnjährigen Anwendungspraxis des KNK hat sich gezeigt, dass kulturelle Projekte die auf konzeptionelle und inhaltliche Beteiligung durch die Schüler*innen zielen, ein hohes Maß an Erfahrungsräumen für das Erleben von Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit ermöglichen und damit zentrale Voraussetzungen für die Herausbildung von Selbstbewusstsein schaffen. 35 bis 40 Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs haben erhebliche Schwierigkeiten mit den Anforderungen der Jugend- und Übergangsphase (vgl. Hurrelmann 2010: 35) – gerade dieser Gruppe könnte der KNK bei entsprechender Verbreitung wertvolle Unterstützung bieten.

Wenn Schule den beschriebenen non-formalen Lernprozessen mehr Raum gibt und die Bedeutung dieses Bereiches mit seinen Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten für die Lebens- und Überlebenskompetenzen stärker als bisher beachtet, wird sie den Anforderungen der Zukunft besser gerecht und kann die Jugendlichen auf die aktuellen und künftigen Herausforderungen der „Zukunftswelt“ besser vorbereiten.

Erich Schriever leitet die KNK-Servicestelle NRW und bildet als Fortbildungsbeauftragter der BKJ KNK-Berater*innen aus.

Literatur

Bundesjugendkuratorium (BJK) (Hrsg.) 2002: Bildung ist mehr als Schule. Leipziger Thesen zur aktuellen Bildungspolitischen Debatte.

Deutsches Jugendinstitut e.V. (DJI) 2014: Non-formale und informelle Lernprozesse in der Kinder- und Jugendarbeit und ihre Nachweise.

Baumbast, Stephanie/Hofmann-van de Poll, Frederike/Christian Lüders (2014): Non-formale und informelle Lernprozesse in der Kinder- und Jugendarbeit und ihre Nachweise. München. (PDF-Download)

Hurrelmann, Klaus (2010): Jugendliche 2008 – Sind sie auf die Zukunft vorbereitet? In: Schorn, Brigitte/Timmerberg, Vera  (Hrsg.): Neue Wege der Anerkennung von Kompetenzen in der Kulturellen Bildung. Der Kompetenznachweis Kultur in der Praxis. Kopaed, München. S. 36-46.