QUALIFIZIERUNG DER KÜNSTLERISCHEN UND PÄDGOGISCHEN ARBEIT ALS „NEBENPRODUKT“ >>
Das KUNSTstück im Kompetenznachweis Kultur

Birgit WolfWie verändern KNK-Fortbildung und -Praxis den Blick der Fachkräfte auf die eigene künstlerisch-kulturelle Bildungsarbeit mit Jugendlichen? Diese Frage hat die KNK-Fortbildungsbeauftgte den KNK-Berater*innen gestellt, die sie in den letzten Jahren ausgebildet hat.

von Birgit Wolf

Wie können qualitative Bildungsprozesse wie Erkenntnisgewinn, Kompetenzerweiterung oder die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in den Angeboten der non-formalen Bildung – statt mit Noten – dokumentiert werden? Diesem Ansinnen nachgehend entwickelte die BKJ zu Beginn der 2000er Jahre den Kompetenznachweis Kultur (KNK), ein vierschrittiges Verfahren bestehend aus Praxisanalyse, Beobachtung, Dialog und Beschreibung. Der individuelle, stärkenorientierende Blick auf die Jugendlichen sowie die Wertschätzung der persönlichen Leistungen und des Engagements in den künstlerisch-kulturellen Angeboten des außerschulischen und schulischen, unbenoteten Bereichs sind die zentralen Motive des KNK. Ein „Nebenprodukt“ ist die Qualifizierung der künstlerischen und pädagogischen Arbeit, die durch die Rückmeldungen der Jugendlichen und deren Reflexion erfolgen kann und Entwicklungsfelder eröffnet. Der Kompetenznachweis Kultur zeigt den Mehrwert der künstlerisch-kulturellen Praxis durch die Fokussierung auf die personalen, sozialen und methodischen Kompetenzen. Doch wie ändert sich der Blick auf die eigene künstlerisch-kulturelle Bildungsarbeit mit Jugendlichen?

Für die Beantwortung dieser Frage analysierte ich die obligatorisch zur Fortbildung gehörende Praxisaufgabe der KNK-Berater*innen, deren Fortbildungsbeauftragte ich war. Ergänzend konfrontierte ich diese KNK-Berater*innen Jahre später mit der Frage: Wie änderte sich der Blick auf die eigene künstlerisch-kulturelle Bildungsarbeit mit Jugendlichen?

Perspektive Fortbildung

Während der Fortbildung werden die KNK-Berater*innen in das Konzept und den Ablauf des KNK eingeführt. Sie erproben das qualitative Instrument in der künstlerischen Arbeit mit Jugendlichen und stellen im zweiten Teil, dem Kolloquium, ihre Praxiserfahrung vor und zur Diskussion. Bereichernd ist für alle der Diskurs der jeweils subjektiven Künstler*innen- und Pädagog*innen-Sicht der verschiedenen Sparten sowie der außerschulischen und schulischen Bereiche gepaart mit dem inhaltlichen Einblick in das jeweilige Angebot. Die KNK-Berater*innen in spe stellen in den Praxisaufgaben bezüglich der künstlerischen Arbeit mit den Jugendlichen die folgenden Aspekte heraus.

Der erste Schritt, die Praxisanalyse, eröffnet durch die detaillierte, systematische Auflistung der verschiedenen Tätigkeiten im künstlerischen Prozess  den Blick für die geforderten und geförderten Kompetenzen im Projekt. Dieses eigene Bewusstwerden der vielfältigen, geforderten Kompetenzen schärft während des Beobachtungsprozesses die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit auf das (Re)Agieren der Jugendlichen und somit auf das Sichtbarwerden der gezeigten Kompetenzen.

Bezogen auf den zweiten Schritt wird vor allem der Beobachtungsprozess hervorgehoben, das heißt, die eigene Praxis noch einmal auf andere Art und Weise zu betrachten und eine neue Perspektive auf die Teilnehmer*innen einzunehmen. Diese neue Sicht kann dazu beitragen, dass sich die eigene Haltung, ersichtlich in kleinen Veränderungen im Arbeitsstil gegenüber der Gruppe, aber auch der künstlerischen Praxis verändert. Durch die retrospektive Form der Beobachtung, das genaue Protokollieren sowie die Gespräche mit der/dem Jugendlichen werde zudem eine neue Reflexionsmöglichkeit der eigenen künstlerischen Vermittlung möglich.

Den dritten Schritt, der Dialog mit dem Jugendlichen, beschrieb eine Theaterpädagogin als „eine unglaublich reiche Quelle an Zugängen zu den Innenansichten der Praxis durch einen Teilnehmer.“ Der Dialog biete Raum, um den Prozess, die eigene Rolle sowie die der anderen Mitwirkenden in Ruhe reflektieren zu können. Die Fokussierung auf die Stärken der Teilnehmenden und das Stiften eines positiven Schaffensklimas gepaart mit der gewonnenen Klarheit und Bewusstheit bezüglich der Wirkung des eigenen Handelns schenke der Fachkraft das Vertrauen, dass die Teilnehmenden die gestellten Aufgaben, auch wenn sie schwierig sein sollten, schaffen würden.

Für das Gros der KNK-Berater*innen ist das Erlangen eines stärkenorientierenden Blicks der zentrale Gewinn der Fortbildung. Man könne in jeder noch so kleinen Geste Kompetenzen erkennen. Im KNK-Prozess helfe die Selbstvergewisserung bezüglich der eigenen Stärken und Schwächen, denn diese Reflexion erweitere den Blick zum einen für einen selbst und zum anderen sensibilisiere sie die Jugendlichen für die eigenen Stärken und die der anderen. Der Kompetenznachweis Kultur wird in der Kommunikation mit jungen Menschen als ein individuelles (Reflexions-)Instrument, als stärkendes Mittel und auch als ein Gegengewicht zu Bildungssettings, in denen häufig Defizite thematisiert werden.

Diese subjektiven, professionellen Erfahrungen fließen während der zweiten Ausbildungsphase in die jeweilige Präsentation des erprobten KNK-Prozesses ein. Sie werden vervielfacht durch die Präsentationen der anderen und die gemeinsame Diskussion. Das bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, wie durch ein Kaleidoskop die eigene künstlerische Arbeit mit den Erfahrungen aus den anderen Künsten, Formaten und Methoden zu sehen. Durch diese (Selbst)Erkenntnis gewinnen die KNK-Berater*innen Vertrauen für das eigene Handeln und sie können den Jugendlichen (Frei)Raum zum Ausprobieren und Experimentieren gewähren.

Perspektive Praxis

Im Sommer 2014 schrieb ich an über 50 Berater*innen für den Kompetenznachweis Kultur, die die Fortbildung vor zwei bis sechs Jahren absolviert hatten. Meine Frage: Wie hat sich der Blick auf die eigene künstlerisch-kulturelle Bildungsarbeit mit Jugendlichen durch Erkenntnisse und Erfahrungen verändert, welche die KNK-Berater*innen durch die Fortbildung und die Anwendung des Nachweisverfahrens erfahren haben? Die Antworten fallen so vielfältig aus wie die Professionen der KNK-Berater*innen sind: (Kunst-)Handwerker*innen, Künstler*innen, Sozialpädagog*innen im künstlerischen Projekt oder Kunstlehrer*innen.

Im Blick zurück sieht eine Tänzerin, die sowohl mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunktgebieten als auch aus semiprofessionellen Kontexten arbeitet, in der Entwicklung einer positiven Arbeitsatmosphäre, die nicht bedingungslose Freundlichkeit ist, sondern aus individueller Zuwendung und einem großen Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten besteht, für die jungen Tänzer*innen die Chance, ihren tänzerischen Ausdruck und Stil zu finden. „Nur so kann ein Stück entstehen, das von den Jugendlichen mitgetragen, im Notfall verteidigt werden kann, und an das sie selbst glauben, was wiederum einen Rieseneinfluss auf Präsenz, Energie und Fokus hat.“ Sie schreibt weiter: „Stärken zu suchen und zu finden, als immer unter den ‚Schwächen‘ zu leiden, habe ich bestimmt der Ausbildung zu verdanken.“ Eine Theaterpädagogin, die eine Theatergruppe mit Menschen mit Behinderung leitet, reflektiert, dass die Haltung des konzentrierten Beobachtens „mitunter Erstaunen“ über die Reaktionen der Jugendlichen während der Theaterproben und -aufführungen bei ihr hervorruft. Eine andere Theaterpädagogin sah regelrecht, „wie das Selbstbewusstsein durch die Gespräche gestärkt wurde und dadurch auch die Motivation wuchs, sich aktiv in Gruppenprozesse einzubringen.“ – „Jeder kann seine Stärken einbringen und sich als wichtiges Teil eines Ganzen fühlen.“ Eine Töpferin schreibt im Rückblick, dass ihr Bedürfnis, dass jeder seine eigene künstlerische Sprache sprechen darf, durch die KNK-Ausbildung bestätigt und verstärkt worden sei. „Ich nehme mich bewusster aus dem Gestaltungsprozess des Werkstückes heraus und kommentiere erst hinterher, wenn ich handwerkliche Korrekturen anbiete. Die gestalterischen Elemente bewerte ich nur lobend, sehe ich Entwicklungsmöglichkeiten, versuche ich diese spielerisch anzudeuten.“ Eine Kunstlehrerin resümiert, dass sie den Unterricht offener und unkonventioneller gestalte. Sie habe „eine neue Sichtweise auf das Fach Kunst gewonnen“ und arbeite „auch im herkömmlichen Unterricht projektorientiert.“ Ihre Kollegin nutze den Spielraum „der Methodik und der Auswertung von Ergebnissen“ und versuche, „dem einzelnen Schüler gerecht zu werden.“

Fazit

Die KNK-Qualifikation trägt Früchte. Der Kompetenznachweis Kultur vermittelt quer durch die Professionen eine wertschätzende Haltung. Durch Beobachten und Fragen gewinnen die KNK-Berater*innen Klarheit über ihren künstlerischen Handlungsspielraum in Bildungsprozessen. Sie gewähren den Jugendlichen Freiheiten und Freiräume, ihre künstlerischen Interessen, Eigenheiten und Ausdrucksformen zu erproben, da sie ihre Fantasien und schöpferischen Potentiale sehen und fördern. Die Jugendlichen gewinnen Zutrauen zu ihrer eigenen künstlerischen Ausdruckssprache und Selbstsicherheit, diese zu zeigen. Die Gewinnerin ist die Freiheit der KUNST.

Ein Wermutstropfen bleibt. Fast alle Rückmeldungen verweisen auf ein Problem: Die KNK-Berater*innen vergeben aktuell keine Kompetenznachweise. Sie vermissen die Anerkennung des „Mehraufwandes“ durch ihre Arbeitgeber*innen. Auch fehle der gesellschaftspolitische Rückenwind. Von (Bildungs-)Politik und Ministerien werden individuelle Rückmeldungen in non-formalen Bildungsprozessen gewünscht und gefordert. Die personellen und/ oder finanziellen Ressourcen dafür werden hingegen selten zur Verfügung gestellt. Große Dankbarkeit erfahren die KNK-Berater*innen von den Jugendlichen. Immerhin ein ideeller „Lohn“.

Birgit Wolf ist seit 2008 Fortbildungsbeauftragte für den Kompetenznachweis Kultur und bietet unter anderem als Lehrbeauftragte an der Universität Hildesheim die KNK-Fortbildung an. Als Bildungsreferentin der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Sachsen baute sie die dortige Servicestelle auf und leitete diese bis 2011. Sie wirkt aktiv im Bundesnetzwerk für den Kompetenznachweis Kultur mit, hat Fachartikel zum Thema geschrieben und sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem KNK befasst.